Wir sind die Nacht by Hohlbein Wolfgang

Wir sind die Nacht by Hohlbein Wolfgang

Author:Hohlbein Wolfgang
Language: deu
Format: epub
Publisher: PeP eBook
Published: 2010-09-01T16:00:00+00:00


20

Aus den großen Lautsprecherboxen drang sanfte Big-Band-Musik, und statt psychedelischer Lichtreflexe simulierte die Laseranlage jetzt den optischen Schneesturm einer altmodischen Discokugel, die aber zu den Gästen passte, die auf dem Boden des ehemaligen Schwimmbeckens tanzten, an der Bar standen oder an kleinen Tischchen mit antiquierten Lämpchen saßen und Champagner aus schlanken Tulpengläsern tranken. Beamer warfen ruckelnde Schwarz-Weiß-Bilder aus uralten Hollywoodfilmen an zwei der vier Wände, und Zigarettenspitzen aus Messing oder poliertem Bernstein machten die Runde. Die Luft roch nach schwerem Parfüm, nach Moschus und ganz leicht nach etwas, was an Weihrauch erinnerte, es aber ganz gewiss nicht war.

»Beeindruckend, nicht?« Nora setzte sich neben sie auf die geflieste Treppe, die den VIP-Bereich vom Rest des Clubs trennte, und zündete sich eine Zigarette an. Der Rauch roch süßlich.

»War Charlottes Idee.«

»Was?«

»Der Roaring-Twenties-Abend.« Nora machte eine deutende Geste mit ihrer Zigarette. »Louise war am Anfang skeptisch, und ich dachte sowieso, dass die Sache in die Hose geht, aber da haben wir beide falsch gelegen. Ist eingeschlagen wie eine Bombe.«

Sie zog wieder an ihrer Zigarette und betrachtete dann nachdenklich die glühende Spitze. »Interessantes Zeug haben die damals geraucht.«

Nora hielt ihr die Zigarette hin, aber Lena schüttelte sofort den Kopf. »Ich nehme keine Drogen.«

»Überhaupt nie nicht?«, fragte Nora und klimperte mit den Augen.

»Überhaupt gar nie nicht«, bestätigte Lena. Nora kicherte albern, und Lena fragte sich, ob sie schon wieder betrunken war. Vermutlich. Nora hatte ihr demonstriert, dass es sie buchstäblich nur einen Wimpernschlag kostete, wieder nüchtern zu werden, aber irgendwie machte es das eher schlimmer, fand sie.

»Weil du Angst um deine Gesundheit hast«, kicherte Nora.

»Weil ich eben keine Drogen nehme.«

»Eine noble Einstellung.« Nora zog so heftig an der Zigarette, dass das Ende fast weiß aufglühte. »Aber das gibt sich.«

Das Schlimme war, dachte Lena, dass sie damit wahrscheinlich recht hatte. Sie hatte es in ihrem Leben zweimal ausprobiert - einmal einen Joint, das andere Mal irgendein Zeug, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, was es war -, aber kein besonderes Vergnügen daran empfunden. Außerdem hatte sie oft genug gesehen, wie es enden konnte.

Aber was, wenn sie dieses Ende nicht zu fürchten brauchte? Wenn es nur noch den angenehmen Teil gab, und sie niemals die Rechnung dafür bekam? Sie versuchte sich einzureden, dass ihre Vernunft und ihre Willensstärke ausreichten, um der Versuchung zu widerstehen, aber sie wusste, was für ein Unsinn das war. Vielleicht eine Woche, einen Monat oder auch ein Jahr - welche Rolle spielte das, wenn die Anzahl der Jahre, die noch auf sie warteten, buchstäblich endlos war?

»Wirklich nicht?« Nora blies ihr eine Wolke des süßlich riechenden Rauchs ins Gesicht. »Das Zeug ist wirklich gut. Haut gewaltig rein.«

Lena stand wortlos auf und ging die Treppe hinab. Ein hochgewachsener Bursche mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr öffnete die rote Samtkordel, lächelte ihr scheu zu und hakte das Trennseil hinter ihr wieder ein. Erst im Nachhinein erinnerte sie sich wieder an sein Gesicht. Es war derselbe, der sie am ersten Abend eingelassen hatte.

Ein Gesicht zu vergessen, das man nur ein einziges Mal und flüchtig gesehen hatte, war wohl das Normalste der Welt … und dennoch fragte sie sich, ob das ihre Zukunft sein würde.



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